🍝 Pace und Kohlenhydrate: Warum dein Tempo ohne Energie wertlos ist

Von WattRun · 6. Mai 2026 · 7 Minuten Lesezeit

Du kannst die höchste VO₂max und den effizientesten Laufstil der Welt haben — wenn dir im Marathon das Benzin ausgeht, wirst du zur Schnecke. Das Halten der Pace scheitert in 90 % der Fälle nicht an mangelnder Fitness, sondern an einer katastrophalen Ernährungs­strategie.

Die kurze Wahrheit: 60–90g Kohlenhydrate pro Stunde während des Rennens. Alle 25–30 Minuten ein Gel. Wasser zum Runterspülen. Im Training getestet. Wer das nicht macht, läuft ab km 30 in den Bonk — egal wie fit er ist.

Die Mathematik des "Mannes mit dem Hammer"

Unser Körper speichert Kohlenhydrate in Form von Glykogen in den Muskeln (~400g) und der Leber (~100g). Diese Speicher reichen bei zügigem Tempo für etwa 90 bis 120 Minuten. Ein Marathon dauert aber für die meisten zwischen 3 und 5 Stunden.

Ohne Energie­zufuhr von außen passiert ab Kilometer 30 Folgendes:

  1. Glykogen­speicher leer. Muskeln bekommen kein "schnelles" Brennstoff mehr.
  2. Körper schaltet auf Fett. Fettverbrennung produziert Energie — aber langsam (5–10× langsamer als Glykogen).
  3. Pace bricht ein. Du läufst plötzlich 30–60 Sekunden/km langsamer, ohne dass die Beine "mehr" wollen.
  4. Mental-Crash. Hypoglykämie führt zu Konzentrations­schwäche, Muskelkrämpfen und dem berüchtigten "Mann mit dem Hammer".

Was kostet ein Bonk?

SzenarioPace-VerlustEnd-Zeit-Verlust
Saubere Ernährung0 Sek/km0 Min
Suboptimal (50g/h)+15 Sek/km auf km 30++3–5 Min
Schlecht (30g/h)+30 Sek/km auf km 30++8–12 Min
Voller Bonk (0g/h)+60+ Sek/km auf km 30++15–25 Min, ggf. DNF

So sicherst du dir deine Pace

Um deine Geschwindigkeit zu halten, musst du Kohlenhydrate kontinuierlich zuführen. Die Wissenschaft hat hier in den letzten 10 Jahren deutlich nachgelegt — moderne Empfehlungen sind höher als die "alten" 30–40g/h.

Die Menge — moderne Wissenschaft

NiveauCarbs/h EmpfehlungKommentar
Einsteiger / unerfahren40–60g/hMagen muss erst gewöhnt werden
Trainierter Hobbyläufer60–90g/hStandard für moderne Marathon-Ernährung
Sub-3 Marathonis80–100g/hHöhere Pace = mehr Verbrauch
Profis (mit Magen-Training)100–120g/hMulti-Transporter-Carbs (Glukose + Fruktose)

Die Umsetzung — Carbs in der Praxis

Ein durchschnittliches Energie-Gel enthält etwa 20–30g Carbs. Sportgetränke 30–60g/Liter. Riegel 30–50g pro Stück.

Verpflegungs-Plan für 60g/h

ZeitAktionCarbs
Vor dem Start (15 Min)1 Gel25g
km 8 (~40 Min)1 Gel + Wasser25g
km 16 (~80 Min)1 Gel + Iso-Drink25g + 15g
km 24 (~2:00 h)1 Gel + Wasser25g
km 32 (~2:40 h)1 Gel + Cola25g + 15g
km 38 (~3:10 h)1 Gel25g
Gesamt6 Gels + 2 Drinks180g (60g/h für 3:00 h)

Wasser nicht vergessen

Die meisten Gels sind hypertonisch — sie haben höhere Osmolalität als dein Blut. Das heißt: dein Körper muss Wasser ins Verdauungs­system pumpen, um sie zu verarbeiten. Ohne Wasser:

Regel: jedes Gel mit 100–200 ml Wasser runterspülen. Wer auf einer Verpflegungs­station Becher schluckt, plant das vor — Gel öffnen, dann 1–2 Becher Wasser kippen.

Zusatz-Quellen — Iso, Cola, Riegel

QuelleCarbsPraxis-Tipp
Energie-Gel (1 Stück)20–30gSchneller Carb-Push, einfach mitnehmen
Iso-Drink (500 ml)30g + ElektrolyteCarbs + Salz + Flüssigkeit in einem
Cola (200 ml)22g + KoffeinMental-Booster ab km 30; nur ohne Kohlensäure
Riegel (1 Stück)30–50gSehr fest, Magen-anspruchsvoll, eher km 1–25
Banane (½ Stück)13gWenig Carbs/Volumen, Krampf-Schutz durch Kalium

Multi-Transporter-Carbs — über 60g/h hinaus

Der Darm kann pro Transporter-Typ nur ~60g/h Carbs aufnehmen. Wer mehr will, muss verschiedene Zucker­typen mischen: Glukose und Fruktose nutzen unterschiedliche Transporter (SGLT1 und GLUT5). Die Kombination erlaubt 90–120g/h ohne Magen-Probleme — aber braucht Magen-Training.

Suche moderne Gels mit "Maltodextrin + Fruktose" oder "Glukose + Fruktose" auf der Zutaten­liste. Verhältnis idealer­weise 2:1 oder 1:0,8.

Der wichtigste Tipp: Trainiere die Aufnahme

Der Magen — manchmal "Runner's Gut" genannt — ist ein Muskel, der unter Belastung streikt, wenn er es nicht gewohnt ist. Wer im Training nie Carbs zu sich nimmt und am Renntag plötzlich 6 Gels rein­schiebt, läuft direkt in Krämpfe.

Magen-Training — der 4-Wochen-Plan

Wochen vor dem RennenCarbs im Long RunHinweis
8–6 Wochen30g/h1 Gel pro Stunde — Einstieg
6–4 Wochen45g/h1,5 Gels pro Stunde + Wasser
4–2 Wochen60g/hRenn-Strategie testen
2 Wochen vor RenntagRenn-Strategie 1:1Letzter Trainings-Long-Run mit identischer Verpflegung

Wichtig: alle Gels und Drinks, die du am Renntag verwenden willst, vorher mehrfach im Training testen. Marken, die du nie probiert hast, sind am Renntag absolut tabu — Geschmack, Konsistenz und Magen­verträglichkeit unterscheiden sich enorm.

Pre-Race Carb-Loading

Zwei bis drei Tage vor dem Marathon: Glykogen­speicher maximal füllen. Empfohlen 8–10g Kohlen­hydrate pro kg Körpergewicht pro Tag. Bei 75 kg sind das 600–750g Carbs täglich.

Praktisch heißt das: jede Mahlzeit kohlenhydrat-reich (Pasta, Reis, Brot, Kartoffeln, Bananen, Reiswaffeln). Dazu wenig Ballaststoffe in den letzten 24 h vor dem Start, damit der Magen am Renntag leer ist.

Fazit: Pace ohne Carbs ist nichts wert

Du kannst noch so präzise berechnete Splits haben — wenn du auf Kilometer 32 keine Energie mehr hast, wirst du sie nicht laufen. Die wichtigste Trainings­einheit für die Carbs-Strategie ist nicht der harte Tempolauf, sondern der Long Run mit voll durch­getester Verpflegung.

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Häufige Fragen zu Carbs im Marathon

Brauche ich Carbs auch bei Sub-4-Marathon?
Ja, ab 90 Minuten Belastungs­dauer sind Carbs essentiell. Sub-4 dauert für die meisten 3:30–4:00, also weit über die Glykogen-Kapazität. Selbst Walker beim 6-Stunden-Marathon brauchen Verpflegung.
Was wenn ich kein Gel verträge?
Alternativen: feste Carbs (Banane, Riegel, Reiswaffeln) oder flüssige (Iso-Drink, Cola, Sport-Honig). Maurten Hydrogel-Drinks sind speziell entwickelt für sensible Mägen — sie umhüllen den Zucker und schleusen ihn an Magen-Rezeptoren vorbei.
Bringen Koffein-Gels was?
Ja, Studien zeigen 1–3 % Performance-Boost durch 3–6 mg/kg Koffein 30–60 Min vor dem Lauf. Während des Rennens 1–2 Koffein-Gels (50–100 mg pro Gel) ab km 25 helfen mental und körperlich. Wichtig: vorher trainieren — manche Mägen reagieren empfindlich.
Sollte ich auf der Verpflegungsstation langsamer werden?
Ein paar Sekunden ja — nicht schaden. Wer rennend Gel öffnet und Wasser schluckt, riskiert Verschlucken oder Krämpfe. 5 Sek pro Station für saubere Aufnahme sind besser als 20 Sek für falsche Aufnahme.
Wie viele Gels brauche ich für meinen ersten Marathon?
Bei 4-Stunden-Ziel: mindestens 6 Gels (60g/h). Plan zur Sicherheit 7–8 ein, falls du eines verlierst oder ablehnst. Lieber zu viel als zu wenig — eine ungenutzte Gel-Tasche wiegt 30g, ein Bonk kostet 10 Min Endzeit.